Zittern.
Rolla lag auf dem Boden. Ihr Körper zitterte leicht, unaufhörlich. Unter dem dünnen Stoff drückten die Knochen, dumpf und schmerzhaft, doch sie hatte keine Kraft aufzustehen. Sie konnte sich nur zusammenrollen, wie ein weggeworfener Gegenstand, ein Mechanismus, der mitten in der Bewegung stecken geblieben war, schluchzend, immer weiter. Die Vorhänge waren fest zugezogen: ein Sarg aus Dunkelheit, eine Dunkelkammer, die keinen Lichtstrahl einließ. Ohne es zu bemerken, biss sie sich in den Handrücken. Flache rote Spuren blieben zurück.
Blut aus ihrer Nase vermischte sich mit den Tränen, die der Schmerz hervorpresste, und rann ihr wie Entwicklerflüssigkeit an die Lippen.
Der fremde und doch vertraute metallisch-salzige Geschmack ließ Rolla davontreiben, als wäre sie ein Filmstreifen, der belichtet wurde. Erinnerungen flackerten Bild um Bild auf, unerträglich dicht. Das Ersticken stieg vom Herzen durch den Hals bis in die Nase, nahm ihr fast den Atem. Jeder Sinn war überlastet; das Atmen, das kaum hörbare Streifen der Wimpern – alles wurde so laut, dass sich ihre Stirn verkrampfte. Selbst der Stoff an ihren Knöcheln drang wie Nadelstiche ins Bewusstsein. In ihrem Körper schien ein Wind zu toben. Sie schwankte, fiel beinahe.
Rolla versuchte den Kopf zu heben und rang stoßweise nach Luft. Sie wollte schreien wie die leidenden Figuren im Film. Doch als sie den Mund weit öffnete, kam kein Laut heraus. Ihre Kehle schien verschlossen.
Sie konnte sich nur vorstellen, sie wäre eine Seegurke, die ihre Eingeweide ausstößt: Die Organe drängten durch ihren Scheitel hinaus, trieben dann langsam im Meer, schwerelos, hinauf zur Oberfläche … Als flösse ihr Blut nicht mehr. Als wäre ihr Atem fortgenommen.
Die Luft drückte jedes Geräusch auf Rolla nieder. Aus der Garage kamen die Warntöne eines rückwärtsfahrenden Autos. Sie meinte, die Rücklichter auf ihrer Haut zu spüren. Instinktiv zog sie sich zusammen, als würden sie sie tatsächlich verbrennen. Allein aus den Geräuschen konnte sie sich die Person vorstellen: das Aussteigen, das Klicken des Schlosses, die Schritte auf der Treppe. Sie wurden schärfer, lauter, deutlicher, unmöglich zu überhören. In unzähligen schlaflosen Nächten hatte sie solche Schritte gehört. So verzweifelt wünschte sie sich, sie würden vor ihrer Tür stehen bleiben. Jemand würde sie vom Boden ins Bett heben, ihr mit einem Taschentuch die Tränen abwischen und sie behutsam in den Schlaf tätscheln, wie damals als Kind.
Aber es geschah nie. Erst wenn sie sicher war, dass die Tür nebenan ins Schloss gefallen war, konnte sie sich eine heftige Ohrfeige geben, sich befehlen, nicht weiter zu fantasieren, noch mehr Tabletten schlucken. Der Schmerz, die Schwellung und die Taubheit ihrer Wangen sollten sie in den Schlaf drücken. Die Schwere. Der Schwindel. Sie sollten sie forttragen.
„Nein … nein, komm nicht.“
Das betete sie im Stillen. Doch das Klopfen fiel wie der Schlag einer Gerichtsglocke.
„Bist du da? Kannst du aufmachen?“
Die Stimme traf sie wie der Ruf eines Henkers. Ihr ganzer Körper zuckte zusammen, eine atemlose Hülle, die rasend schnell zum Meeresgrund sank. Sie versuchte, ihren Atem zu beruhigen, sich zu einer Antwort zu zwingen.
Warum musste es ausgerechnet jetzt sein? Sie sagte sich, sie müsse aufstehen, müsse antworten, dürfe anderen keine Sorgen machen, müsse aufhören mit den Dingen, wegen derer man sie nicht mochte.
„Warte.“
Langsam zog sie sich vom Boden hoch. Weiß überflutete ihr Blickfeld. Ihre Beine waren starr und taub; selbst als sie sie ausstreckte, fühlte sie sich wie eine verwundete Soldatin. Schmerz zog von den Knöcheln aufwärts, während sie sich zum Waschbecken schleppte. Das Licht ließ sie aus – mehr Helligkeit hätte sie nicht ausgehalten. Tastend wusch sie ihr Gesicht und ging dann unter Schmerzen zur Tür, eine viel zu große schwarze Winterjacke um sich gezogen. Sie öffnete mit dem Gesichtsausdruck einer gerade Erwachten. Der Mensch draußen, das wusste sie, interessierte sich nicht für ihre zitternden Augenblicke. Niemand wollte ihre Tränen sehen.
Wenn Rolla jetzt normal funktionieren konnte, war alles gut. Sie musste es schaffen, musste verbergen, was in ihr geschah. Immer wieder kämpfte sie sich durch den Nebel der SSRI, betäubte sich, wurde zu ausgetrocknetem Ton, bis nur noch eine leere Hülle blieb. Dieser Gedanke ließ ihr Herz noch stärker schmerzen. So wollte sie nicht leben. Wirklich nicht. Sie wusste nicht, wann daraus ihr Leben geworden war: Tabletten schlucken, sich zum Aufhören zwingen, Rolla von innen aushöhlen. Ihre Reaktionen auf die Medikamente wurden heftiger. Sie spürte, wie sie in Richtung Wahnsinn kippte, in Richtung Hilflosigkeit. Und so hatte sie heute, in einem törichten Akt des Trotzes, sämtliche versehentlich verschütteten Tabletten geschluckt.
Die Tür wurde aufgestoßen, Licht drängte sich herein und warf sie beinahe um. Die Besucherin beachtete sie nicht. Vielleicht war sie einfach daran gewöhnt. Ja, Rollas Zusammenbrüche waren längst so alltäglich wie das Atmen.
Sie erinnerte sich an einen Moment am Esstisch. Ihr Blick hatte auf den bläulich-grünen Adern an der Innenseite ihres linken Handgelenks geruht. Sie stellte sich vor, wie sie geöffnet wurden, wie das Blut hervorschoss. Unwillkürlich malte sie sich die Reaktionen der anderen aus, die Bewunderung für ihre Grabinschrift. Ihre Stirn entspannte sich, während sie in einen Strudel von Halluzinationen sank.
Als sie wieder zu sich kam, stand sie in der Küche, ein Messer in der Hand. Erschrocken ließ sie es fallen. Niemand war hier, der sie auf dem Weg in ihren eigenen Tod aufhalten würde. Die Erkenntnis brachte keine Erleichterung, nur grenzenlose Enttäuschung, dann Angst, dann Schuld. Die Tür zum Tod stand offen. Niemand wartete dort, um sie zurückzuschicken. Sie glaubte, das Leben selbst sei eine Art Buße. So achtlos durfte sie es nicht wegwerfen. Das wäre zu …
EGOISTISCH.
„Heute Abend musst du allein essen. Deine Schwester will ausgehen.“
„Du kannst mitkommen, wenn du willst“, fügte sie hinzu, als sie Rollas Schweigen bemerkte.
„Dafür hättest du nicht extra kommen müssen.“ Ein Dämon schien nach Rollas Gedanken zu greifen und ließ sie das Gegenteil dessen sagen, was sie fühlte. Zurück blieb endlose Reue.
„Ich hatte Sorge, dass du die Nachricht nicht gesehen hast.“
„Du bist immer so feindselig zu ihr“, fuhr sie fort.
Rolla sagte nur: „Ich gehe schlafen.“
„Sie schuldet dir nichts.“
„Ich habe euch beide enttäuscht.“
Dann setzte sie sich aufs Bett. Ihre linke Hand umklammerte die rechte fest vor der Brust. Sie spürte das Heben und Senken und vergewisserte sich, dass ihr Herz noch schlug. Dann senkte sie den Kopf, hielt das zweite Gelenk ihres linken Zeigefingers an die Nasenlöcher und atmete langsam ein. Wie beim Beten. So ernsthaft.
Sie betrachtete das Profilbild auf dem Handy: drei Menschen auf dem Foto, nur sie selbst fehlte.
Ein kurzer, spöttischer Seufzer entwich ihr. Sie griff nach dem Wasser, trank hastig und wickelte sich in die dicke Decke. Sie stellte sich vor, auf den Gleisen zu liegen, auf das Urteil des Todes zu warten, unsichtbare Sünden mit ihrem Blut abzuwaschen. Doch in Wahrheit würde kein nächster Zug kommen. Dieser Bahnsteig war längst stillgelegt. Also stand sie auf, wechselte auf einen anderen Bahnsteig und blieb eine „folgsame“ Reisende. Keine Zukunft. Kein Ziel.
„Verbring nicht die ganze Blüte deiner Jugend damit, über das Verwelken nachzudenken.“
Das flüsterte sie sich selbst zu.
Doch sie wusste nicht einmal, ob dieser Garten eine einzige Blume wie sie überhaupt brauchte.
Fortsetzung folgt …