Jahre später steht Rolla auf dem Vancouver Lookout. Von der Aussichtsplattform hat man einen herrlichen Blick auf die Innenstadt, doch ihre Augen kehren immer wieder zum Handybildschirm zurück. Ihre Finger bewegen sich hin und her; in Nachrichten tippt sie Wörter und löscht sie Sekunden später wieder. Unten erfreut das ferne Licht der Dampfuhr die Passanten. Doch seine Strahlen scheinen zugleich Rollas Seele zu durchbohren und ihren erschöpften Körper zu zerstreuen. Mit ihren stündlichen Glockenschlägen und Dampfstößen flüstert die Uhr von einem ganzen Leben, das sie schon durchschritten hat. Rolla sieht die Zeit verrinnen; die Sandkörner fallen zu schnell …
Plötzlich öffnet Rolla mit einem leisen Gähnen die Augen. Sie blinzelt in eine Stille, die zu scharf umrissen wirkt, um wirklich zu sein. Für einen Moment schwebt die Welt in diesem zerbrechlichen Raum zwischen Traum und Wachsein. Zugleich sagt ihr eine plötzliche Ahnung, dass sie noch immer im Klassenzimmer ihrer Highschool ist. Als ihr Blick klarer wird, erkennt sie die biologischen Grundlagen an der Tafel.
Sonnenlicht fällt an seiner Schulter vorbei und zeichnet seine Umrisse nach. Irgendwie wärmt es schon Rollas Wangen, bevor sie es überhaupt bemerkt …
„Ich bin fertig.“ Tony geht bereits zu seinem Tisch, um seine Tasche zu holen und nach Hause zu gehen.
„Warte. Du weißt schon, dass du mehr machen solltest, oder?“ Rolla hält ihn rasch auf. Ihr ist wieder eingefallen, dass die Lehrerin sie gebeten hat, ein Auge auf ihn zu haben. Weil er seine Hausaufgaben nie fertig macht, muss er zur Strafe nach dem Unterricht die Tafel wischen.
„Ach komm. Ich dachte, du brauchst das noch für deine Notizen.“ Widerwillig zuckt er mit den Schultern, stellt die Tasche wieder ab, die er gerade erst gepackt hat, und geht zurück zur Tafel.
„Aber ich hab doch recht, oder? Du interessierst dich für Bio und willst das studieren.“
„Nein. Ich bewerbe mich für Wirtschaftswissenschaften und gehe nach Hongkong.“ Insgeheim weiß Rolla jedoch, dass ihre Gründe schwer zu erklären sind. Deshalb fügt sie hinzu: „So, wie meine Familie es von mir erwartet.“
Tony versteht, worauf sie hinauswill. Vielleicht zumindest einen Teil davon.
„Das zählt nicht. Ich meine, das sollte nicht dein Grund sein.“ Dabei greift er nach dem Tafelschwamm, doch plötzlich hält seine Hand inne.
„Du magst also Bio. Dann solltest du darauf hinarbeiten, statt … Entschuldige, was noch mal? Was will dein Sugardaddy?“ Tony kichert und dreht sich um, um die Tafel zu wischen.
Rolla findet den Witz kaum lustig. Ehrlich gesagt ist er nicht besonders unverschämt, aber angesichts ihrer familiären Situation hört sie so etwas wirklich nicht gern. Wobei der Spruch unterm Strich wohl noch als Witz durchgeht und einigermaßen in Ordnung ist.
„Hey, du hast echt ein beschissenes Gedächtnis. Und darüber solltest du keine Witze machen.“
„Oh, verstehe … Okay. Tut mir leid.“ Tony ist klug. Darin sind sich die meisten einig, und auch Rolla muss es zugeben. Sie weiß, dass er richtig erraten hat, was hinter ihren Worten steckt. Wie ein Skalpell legt er den zitternden Kern ihrer unerfüllten Wünsche frei.
Gleich darauf fügt er hinzu: „Aber du solltest es für dich selbst tun. Ich glaube, du willst dich für Bio bewerben. Das ist dein Ding. Du bist gut darin. Alles, was du über Biologie gesehen hast, interessiert dich, und du merkst es dir spielend leicht, ob es nun um Details geht oder um etwas anderes.“
„Aber …“ Rolla hat schon vorher gezögert. Ihr Über-Ich weigert sich, sie eine Entscheidung für sich selbst treffen zu lassen, bis dieser seltsame Typ plötzlich mit einer so dahingesagten Behauptung ankommt.
„Lass das mit dem Aber. Du weißt, was ich meine.“ Er hat seine Aufgabe erledigt und ist offensichtlich auch mit dem Gespräch fertig. Er will nur noch nach Hause. „Ich will heim. Tschüss.“
Rolla weiß nie, was er als Nächstes vorhat und weshalb er immer so eilig losmuss. In dieser Hinsicht ist Tony seltsam. Und trotzdem trifft er den Punkt. Touché. Während sie über dieses Dilemma nachdenkt, packt Rolla ihre Schreibsachen zusammen und verlässt die Schule.
Sie starrt auf die Fliesen unter ihren Füßen. Ihre Ungewissheit spaltet sie tatsächlich in zwei Menschen, und bald muss sie entscheiden, welcher von beiden die Kontrolle übernimmt. Zugegeben: Wenn sie in Hongkong Wirtschaft oder Betriebswirtschaft studiert, wie es auch die meisten ihrer Freunde vorhaben, bleibt ihr soziales Umfeld, wie es ist. Vielleicht werden die Menschen um sie herum sie loben, als hätte sie dank ihrer klugen Ratschläge eine vernünftige Entscheidung getroffen.
Chemie und Biologie dagegen garantieren ihr keinen Arbeitsplatz. Aber dort liegen ihre Talente. Sie kann sich Fachbegriffe gut merken und ist stolz auf ihr Wissen. Jedes Mal, wenn sie erklärt, welche biologischen Mechanismen im Körper ablaufen, macht ihr das aufrichtig Freude. Doch die anderen könnten ratlos sein. Wenn sie es nicht verstehen, werden sie Rolla nicht unbedingt für erfolgreich halten. Nach mehreren Jahren in einer weit entfernten Stadt könnte sie den Kontakt zu vielen Freunden in China verlieren. Aber sie wird auch neue Menschen kennenlernen.
Was würde ihre Mutter denken? Sie würde wollen, dass Rolla glücklich ist und sich nicht darum kümmert, was die anderen sagen. Wahrscheinlich denkt Tony genauso.
Die alte Rolla, die ihren Freunden vielleicht vertrauter ist, wäre gewissermaßen tot. Oder schlimmer noch,
lebendig begraben.
Fortsetzung folgt …
(Die Geschichte ist von Sally Rooneys Normal People inspiriert und mit eigenen Erlebnissen aus der jüngsten Zeit verbunden.)
Was denkst du darüber?
Kommentare werden nach Prüfung veröffentlicht. Schreib in der Sprache, in der du dich wohlfühlst.
Noch keine öffentlichen Kommentare. Hier ist Platz für deine Gedanken.